Donnerstag, 26. Oktober 2017

Cobá und Multun-Ha

Unser Weg führt uns heute von der Ostküste Yucatans, der sogenannten Riviera Maya an der karibischen See, ins Innere der riesigen Halbinsel nach Cobá, wo wir die über Kilometer im Urwald versteckte Maya-Ruinenstadt wiederum per Rad erkunden.



Der große Stufentempel hat 40 Meter Höhe, von der aus man über das bis zum Horizont reichende Grün des Dschungels schaut. Mal wieder: Wow!






Und das nächste Wow folgt einige Stunden später, nämlich der Besuch einer Cenote, die kein "Ojo", also kein "Auge" bzw. Tageslicht nach oben hat. Multun-Ha liegt an einer Sandpiste im Dschungel, und als wir kommen, sind wir dort ganz allein, steigen 20 Meter in die Tiefe hinab und landen in einem unterirdischen Felsendom von etwa 40 Metern Durchmesser, 15 Metern Höhe und 6 Metern Tiefe, mit Stalagmiten. Wie es in einer Tropfsteinhöhle sein soll, tropft es unaufhörlich ins kristallklare Wasser, das durch einen großen Strahler an der Decke gut ausgeleuchtet ist.



An den Höhlenrändern geht es pechrabenschwarz aus der Kristallklarheit in die Verweigungen der unterirdischen Höhlengänge hinab. Es ist so still hier, fast unheimlich, auf jeden Fall respekteinflößend. So ganz allein und in Ruhe spürt man die starke Aura dieses Ortes und versteht, warum den früheren Völkern solche Orte Heiligtümer und Zugänge zur Welt der Götter waren. Beim Ins-Wasser-Gehen und Schwimmen, immer wieder durch die Schwimmbrille in die helle und dunkle Tiefe hinabschauend, spüre ich mich an den "Großen Strom der Maya" angeschlossen. Irgendwie gehört doch alles zusammen auf der Welt.


Später geht es weiter mit dem Oriente-Bus (ein Second-Class-Bus) über Valladolid nach Pisté, wo wir eine absolut nette Pension für die Nacht erst gestern gebucht haben. Von hier wollen wir morgen früh vor dem Tagesbesucher-Run nach Chichén Itzá, einer weiteren großen Maya-Stätte. Internet machts möglich, und (Werbeblock :-) mit booking.com klappt die Übernachtungssuche bisher perfekt ohne jegliches Papier oder Telefon, alles online. Auch das Busfahren funktioniert gut. Wir freuen uns, dass Mexiko uns mit soviel Selbstverständlichkeit aufnimmt, und - ich habe es schonmal geschrieben - die Maya sind sehr, sehr freundliche Menschen, darüber aber später mal mehr.

(von Jessica)

Tulum - Unterwegs zwischen Urwald und Strand

Auch in Tulum leihen wir uns wieder Räder, da sowohl der leicht kühlende Wind wie auch das Fortkommen im flachen Yucatan-Mayaland auf diese Weise sehr angenehm sind. Allerdings sind die sehr stabilen, aber äußerst schwerfälligen eher kleinen Räder mit niedrigen Sätteln mehr für kurze Mayabeine als für nordeuropäische Riesen gemacht.
Die Straßen durch den Urwald führen vor allem geradeaus! Beim Straßenbau muß auf keine Höhenzüge, Wasserläufe oder Besitzungen Rücksicht genommen werden, so laufen die Straßen wie mit dem Lineal gezogen. Wir fahren ein wenig über Land und staunen wieder über den Dschungel, der bis dicht an die Straße heranreicht.

Unser erstes Ziel ist eine der vielen Cenotes, über die wir zwar gelesen und auf Bildern gesehen haben, beim Erlebnis vor Ort aber wieder einmal merken, dass die sinnliche Wahrnehmung durch nichts zu ersetzen ist.
Wir springen in das kühle, weiche Süßwasser der nach oben halboffenen Höhle, sehen die Luftwurzeln der Urwaldbäume bis ins Wasser hinabragen, spüren die leichte Strömung, die das Wasser durch das weitverzweigte unterirdische Höhlensystem bis in die Lagunen und letztendlich bis ins karibische Meer führt, sehen Fische und Schildkröten um uns herum.
Diese natürlichen Zisternen bildeten das Trinkwasserreservoir der Maya und ermöglichten damit erst deren Kultur. Der "große Strom" der Maya ist ein unterirdischer Süßwasserstrom, Hunderte Kilometer lang und noch immer nicht ganz erforscht.




Das Schwimmen kühlt schön ab, es ist nämlich wieder feuchtheiß und wir sind praktisch immer nass. Gott sei Dank war es in den ersten Tagen meist bedeckt, und wir erinnern uns an unsere Zeiten in Afrika, wo wir immer froh waren, uns nicht der Sonne aussetzen zu müssen.

Wir radeln nach Tulum zurück und besuchen die berühmte archäologische Stätte, auch so ein magischer Ort, der nicht durch seine Größe und bauliche Vielfalt, sondern durch die Gesamtatmosphäre und seine Lage am Meer anrührt. Der Tempel am höchsten Punkt des Kliffs schaut auch ohne ein Leuchtfeuer weit auf das Meer hinaus.



Ein großer Leguan, einige Coatis (Nasenbären) und der dichte Dschungel tun ihr Übriges zur Atmosphäre. Das nachher folgende Bad in der warmen Karibik beim rosa Abendlicht machen den Tag zu einem Wow-Tag.





Am nächsten Tag radeln wir erneut, erkunden Weiteres in der nahen Umgebung, beobachten ausführlich Pelikane, die ohne Scheu direkt am Strand fliegen, tauchen und fischen, genießen die karibische Stimmung und planen unsere nächsten Tage.



Gern hätten wir noch einen Ausflug ins Sian-Kaan-Biosphärenreservat gemacht, um vielleicht Delphine im offenen Wasser sehen zu können, aber die angebotenen Tagestour war uns zu teuer, und auf eigene Faust kamen wir zwar bis zur Lagune, wo aber wegen zu bewegtem Wasser kein Boot ablegte. Wer weiß, was sich noch für Gelegenheiten ergeben werden.

(von Ronald und Jessica)

Dienstag, 24. Oktober 2017

Schnorcheln am Riff

Morgens um 9.00 Uhr bekommen wir mangels weiterer Interessenten eine Exklusivtour mit Ilario, unserem Guide und dem Motorboot hinaus ans 600 m entfernte Riff, wo er das Boot mit wenigen geschickten Handgriffen an einer Boje vertäut.
Nach kurzer Einweisung springen wir mit Flossen, Tauchmaske mit Schnorchel und Schwimmweste ins warme karibische Wasser, um sogleich in eine neue bunte Welt einzutauchen. Dem Führer folgend, gewöhnen wir uns an das Atmen durch den Schnorchel und die Bewegung mit den Flossen. Nur wenige Meter unter uns sehen wir Korallenbänke in verschiedensten Formen und Farben und die sie bewohnenden kleinen und großen, in allen Farben leuchtenden Fische, die, einzeln oder in Gruppen schwimmend, sich durch unsere Anwesenheit gar nicht stören lassen.
Mit Armbewegungen weist Ilario auf Besonderheiten hin, die wir mit ungeübten Augen gar nicht entdeckt hätten: Barracudas, eine schüsselgroße, im Sand vergrabene Muschel, ein großer Rochen, der majestätisch davon gleitet, als wir über ihm sind, ein Pulpo in seiner Höhle.
Schnell fühlen wir uns als Teil dieses stillen Universums, in der wir schwerelos schwebend zu Gast sind und uns sehr wohl fühlen.
Auf der Bootsfahrt hin und zurück erklärt uns Ilario, welche Maßnahmen zum Schutz dieses noch sehr intakten, weltweit zweitgrößten Riffes getroffen worden sind: kein Wassersport, kein Fischfang, kein übermäßiger Tourismus, der durch große Hotelbauten begünstigt würde, keine Verunreinigungen, selbst auf Sonnencreme soll man im Wassser verzichten.
Nach diesem eindrucksvollem Erlebnis genehmigen wir uns ein spätes Frühstück und fahren dann mit dem Überlandbus auf der Küstenstraße weiter zu unserer nächsten Destination, nach Tulum.











(von Jessica und Ronald)

Sonntag, 22. Oktober 2017

Puerto Morelos, Mexiko.








Die ersten Stunden in der Neuen Welt nach einem langen, langen Reisetag.
Wir sind in Spanien um 3 Uhr morgens aufgestanden, waren nach 500 km Autofahrt und Einchecken am Langzeitparkplatz dann irgendwann glücklich in Madrid-Barajas am Flughafen.
Da wir ja kein Rückflugticket haben, hatte ich im Vorfeld ein Greyhound-Busticket gekauft, das wir nie brauchen werden, da wir von Mexiko aus nicht in die USA wollen, aber nur dies konnte ich online von Europa aus buchen, und unsere Fluggesellschaft verlangte ein Weiterreiseticket. Nach genauer Inspektion und Nachfrage akzeptieren sie es tatsächlich, wir können einchecken und sind auch fast pünktlich abgeflogen, mit Evelop Airlines, von der ich vorher nie gehört hatte, die von Madrid aus aber sehr günstig in die Karibik fliegen.

10 Stunden Flug, Ankunft Ortszeit 17.30 Uhr (in Europa ist es bereits 1.30 Uhr, sieben Stunden Zeitverfrühung beim Reisen nach Westen). Unsere Rucksäcke sind ebenfalls glücklich in Cancun gelandet. Wir holen uns mexikanische Peso am Geldautomaten, erfragen am Infoschalter Busfahrmöglichkeiten, spazieren aus dem Terminal nach draußen und atmen die erste karibische Luft ein. Der Wahnsinn: die feuchte Schwüle, wie wir sie sonst aus dem Tropenhaus im Zoo kennen, und die uns vor acht Jahren in Afrika auch als erstes überwältigt hat. Der Schock ist also nicht zu stark, aber man muss trotzdem erstmal klarkommen mit dem Klima, sich akklimatisieren, wie man so treffend sagt.
Der Bus ist rasch gefunden, fährt auch bald los, lässt uns am gewünschen Ort (Puerto Morelos, ca. eine halbe Stunde südlich von Cancun) raus, und mit einem Taxi werden wir dann bis zu unserer Unterkunft gefahren, wo unsere Online-Buchung tatsächlich auch gelistet ist. Wir sind sehr zufrieden damit, dass alles so gut funktioniert hat bis hierher.

Wir drehen noch eine Runde durch den kleinen Ort, stecken wenigstens schonmal die Füße in die unglaublich warme karibische See, essen eine Kleinigkeit auf der Plaza, schauen dem Treiben zu, Maya-Tänzern, Trommlern, einem Feuerakrobaten, Capoeira-Sportlern... und fallen gegen 22 Uhr Ortszeit (Europa 5 Uhr morgens, wir sind also seit 26 Stunden auf den Beinen) ins Bett. Air Condition, Ventilator, WC und Warmdusche funktionieren trotz der Einfachheit der Unterkunft, und die laute Musik der nahen Bar stört nicht mehr, wir sind zu müde.

In der Nacht starker tropischer Regen, die Regenzeit ist noch nicht zu Ende. Morgens dampft und tropft es überall. Wir machen eine Orientierungsrunde im Dorf und leihen uns ziemlich fertige Fahrräder beim einzigen Fahrradverleih. Mittags regnet es nochmal, aber dann ziehen wir los, an der Mangrovenlagune (es sollen viele Krokodile drin sein, wir sehen aber keine) vorbei zur Colonia Morelos, dem oberen Ortsteil am Highway 307. Das Oberdorf erkunden wir straßauf, straßab per Rad und sehen dann ein Hinweisschild zur... örtlichen Waldorfschule, in bekannter Roggenkamp-Druckschrift! Bald endet die Asphaltstraße, wir sind im Wald, was hier natürlich sofort Urwald ist: Vogelstimmen in exotischen Tönen, riesige Blätter, Bäume, Grün in allen Farben und Formen, es tropft überall, und kaum halten wir an, stürzen sich die Moskitos so auf uns, dass wir schleunigst das Weite suchen.
Die Schule finden wir zwar, es ist aber Sonntag und niemand dort. Schon skurril, stolpern als erstes hier in Mexiko über Waldorf, im Urwald!

Dann verbringen wir die restliche Tageszeit in verschiedenen Läden, im Dorf, schauen, staunen, suchen (z.B. Telefon-Simkarten, was sich als schwierig erweist) und verabreden für morgen eine Schnorcheltour ans Mezzoamerikanische Korallenriff, das 600 Meter offshore beginnt, direkt vor unserer Nase.

Kunterbunte Impressionen mit einem superguten ersten Eindruck, vor allem auch von der Freundlichkeit der Menschen. Spanisch kommunizieren zu können, hilft natürlich auch sehr viel.

(von Jessica)

Samstag, 21. Oktober 2017

Adios Espana!

Wir rüsten zur Reise nach Westen, die uns drei Monate lang durch Mexiko, Zentralamerika und Kuba führen wird. Am 21.10.17 fliegen wir zunächst von Madrid nach Cancun, Mexiko. Von dort geht es mit Rucksack und Bus weiter. Wir haben in letzter Zeit fleißig unsere Reiseführer gewälzt (die englischsprachigen Rough-Guides sind für Backpacker wirklich super), und neben der großen Reiseroute sind uns nun auch viele Orte und Events im Sinn, denen wir gern nachspüren wollen, wobei aber offen bleibt, was wir wirklich realisieren werden und wohin es uns im Einzelnen verschlägt. Darüber werden wir gern in nächster Zeit hier und da berichten.

Zugegebenermaßen steigen Aufregung und Riesefieber nun doch auch an. Individualreisen haben einfach eine Unwägbarkeits- und Abenteuerkomponente, aber so wollen wir es ja auch. Und neben der Freude auf viele Erlebnisse, Eindrücke und Inspirationen drücken wir uns selbst die Daumen, dass wir, was Kriminalität und Gesundheitsprobleme betrifft - wir sind ja in der Gegend von Montezuma, der sich hoffentlich nicht zuviel an uns rächt -, möglichst ungeschoren davonkommen.

Die sechs Wochen, die wir nach der Reise von Deutschland hierher nun in Spanien verbracht haben, waren rundherum schön und nebenher sowohl sprachlich wie auch temperaturmäßig eine gute Einstimmung auf die kommenden westlichen Destinationen, die allesamt spanischsprachig und suptropisch bis tropisch sind.

Und der Rest in Gottes Hand...  vaya con Dios!


(von Jessica)

Freitag, 20. Oktober 2017

Zuhause in Europa

Unsere Reise mit dem Sprinter hierher hat uns durch viele kleine Ortschaften in Frankreich und Spanien geführt. Vor jeder Mairie und jedem Ayuntamiento, also vor allen Rathäusern, hing neben der Orts- und der Landesflagge auch die Europaflagge, die goldenen Sterne auf blauem Grund.
In den letzten Wochen hat die Diskussion um Europa wieder an Fahrt aufgenommen, da die Katalanen nach Unabhängigkeit streben und ein Referendum durchgeführt haben. Obwohl wir hier in Spanien sind, ist im Leben um uns herum kaum etwas von der Spannung zu spüren, die in Katalonien herrscht, aber Barcelona ist auch 500 Kilometer entfernt.
Beschäftigt man sich mit dem Wunsch der Katalanen und der harrschen Haltung der spanischen Regierung, so ist zu bemerken, dass die Sachlage wieder einmal viel komplizierter ist als anfangs gedacht.
Während ich die Unabhängigkeitsbestrebungen beim ersten oberflächlichen Nachdenken als unvernünftig und antieuropäisch einschätzte, mir aber auch das harte Vorgehen der Regierung unverständlich war, musste ich feststellen, dass die Dinge auch ganz anders gesehen werden können.
Es ist hier oft zu hören, dass auf beiden Seiten sehr viel Druck gemacht und gepuscht wurde. Auch die Beteiligungen an den letzten Befragungen, vor zwei Wochen fand ja nicht die erste statt, zeigten, dass nur einTeil der Menschen in Katalonien an der Frage interessiert ist. Es mag vielen Spaniern wie unserem Steuerberater gehen, der sich darum sorgt, ob die Verantwortlichen es schaffen werden, sich friedlich zu einigen und die Mengen nicht noch weiter aufzupeitschen. Spanien hat im letzten Jahrhundert zwei Bürgerkriege erlebt, die noch im kollektiven Gedächtnis sind. Joaquim setzt große Hoffnungen auf Europa als schlichtende Instanz.
Die nach Unabhängigkeit strebenden Katalanen sind keine Volksgruppe oder religiöse Gemeinschaft, die sich selbst regieren will, sondern es ist eine kulturelle Bewegung, die ihre Wurzeln in der spanischen Geschichte hat. Viele Einwohner Kataloniens sind keine gebürtigen Katalanen, sondern sind erst durch ihren Zuzug dazu geworden. Es geht also nicht darum, einer Menschengrupe größere Freiheitsrechte einzuräumen, sondern eine Region möchte größere Auutonomie.
Dem stehen die Bewegungen eines Nationalstaates entgegen, die Einheitlichkeit eines Landes zu bewahren. Ohne dies beurteilen zu wollen oder zu können, kann man sich fragen, ob die Nationalstaaten, die zumeist politische Gebilde sind, die mit Macht, oft durch Kriege zusammengefügt wurden, noch zeitgemäß sind.
Für mich ist deutlich, dass wir eher mehr als weniger Europa brauchen. In vielen Bereichen sollten wir noch mehr zusammenarbeiten. Der begonnene Weg der europäischen Union und auch des Euro ist richtig und wichtig, wenn auch noch vieles verbessert werden kann. Die Eigenheiten der Regionen, die Sprachen und die kulturellen Unterschiede können dabei erhalten bleiben. Doch muss dann die gesetzgebende Gewalt und beispielsweise die Außen-, Verteidigungs- Finanz- und Wirtschaftspolitik in erster Linie von den Nationalstaaten ausgehen? Könnten nicht übergeordnete europäische Institutionen viel unabhängiger agieren?
Es ist sicher noch ein weiter Weg zu den Vereinigten Staaten von Europa und bei den vielen Problemen, die es zur Zeit gibt, scheint auch ein Scheitern möglich, doch es lohnt sich, dafür zu streiten, wie das die Katalanen tun, die für die Unabhängigkeit auf die Straße gehen, aber auch die, die für die Einheit protestieren; für die Politiker heißt das, mit Bedacht gute Kompromisse entwickeln, die mit Augenmaß das Projekt Europa voranbringen und nicht bremsen, denn die Menschen auf beiden Seiten verstehen sich als Teil von Europa.


(von Ronald)

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Feliz cumpleanos !

Happy birthday, liebster Ron, 
und ein wunderschönes neues Lebensjahr voller Inspirationen!

Dienstag, 17. Oktober 2017

Sonne, Rad und Berge

Wie schnell werden doch Zustände, in denen man sich bewegt, zur Normalität. Na klar, man kann darüber nachdenken und weiß natürlich, dass das jetzt nicht selbstverständlich ist, aber Gewohnheiten bilden sich schnell und man handelt, als wäre es nie anders gewesen.
Wir sind jetzt seit mehr als fünf Wochen hier und das Wetter ist so selbstverständlich beständig schön, dass die Frage, wann und mit welcher Ausstattung ich Rad fahre, belanglos geworden ist. Die Sonne scheint, es ist warm, ein leichter, warmer Wind bringt die Luft in Bewegung.
Es sind ideale Bedingungen und es ist sofort verständlich, warum so viele Radler allein oder im Team im mediteranen Klima trainieren. Auf Mallorca, Zypern oder anderswo kann man fast das ganze Jahr hindurch draußen fahren, ohne das Rad im Oktober in den Winterschlaf schicken zu müssen.
Es ist hier eher die Streckenauswahl, über die man sich Gedanken machen muss, da es hier, wie auch in den meisten anderen Mittelmeerländern, enorm bergig ist. Selbst entlang der Küste geht es oft heftig auf und ab, weiter im Landesinneren steigen die Straßen mitunter steil auf 1000 oder mehr Höhenmeter. Auch die Hoffnung, dass es nach einer einmal erklommenen Höhe auf der Hochebene eher konstant weiter geht, erfüllt sich nicht.
So kommen bei einer 60 Kilometer langen Rundfahrt leicht bis zu 2000 Höhenmeter Steigung zusammen. Es gibt dabei natürlich auch immer wieder herrliche Abfahrten, die aber im Gegensatz zum Aufstieg leider viel zu schnell vorbei sind oder aber so steil und kurvig hinab führen, dass die Anstrengung des Bremsens den Lohn der Abfahrt erheblich reduziert.
Darum ist das Rad hier auch so wenig Fortbewegungsmittel: Bergauf- und Bergabfahren ist für die Fortbewegung auf dem Rad einfach zu anstrengend und damit unpraktisch und nicht alltagstauglich. So sind es die Rennradler, bei denen der Weg das Ziel ist, die auf dem Fahrrad unterwegs sind.
Bei der Planung der Tour spielt das Wetter keine Rolle, den nächsten Schauer gibt es einfach nicht. Entscheidend ist, wie viele Qualen will ich heute erleiden, was mute ich mir zu. Zwei- bis dreimal in der Woche schwinge ich mich aufs Rennrad und zwischendurch gibt es kleinere Runden mit dem Mountainbike durchs Gelände. Eine der bekanntesten Seiten mit Streckentipps für Rennradler heißt nicht grundlos 'quäldich.de' - hauptsache bergauf.
Aber Spaß und Freude an der überstandenen Qual lassen auch den nächsten Ausritt nicht lange auf sich warten.



(von Ronald)

Sonntag, 15. Oktober 2017

Auch schön...

... morgens nach dem Aufwachen noch etwas schlaftrunken hinunter in den Garten und im ersten Sonnenlicht ein paar Yoga-Übungen machen. Der "Sonnengruß" - die wohl bekannteste Yoga-Übung neben dem "Baum" - hat in solchen Momenten etwas von einem persönlichen Zwiegespräch zwischen dir und der frühen Sonne. Das tiefe Atmen an der frischen Luft erfüllt mit Energie, aber auch innerer Ruhe für den Tag. Danach unter die Gartendusche - leichtes brrr, aber ein schönes Prickeln.

Das Leben spielt sich für uns trotz fester spanischer Wohnstatt hauptsächlich draußen ab, und manchmal glaube ich förmlich zu spüren, wie der Körper in eine tiefere Gesundung kommt, Knochen, Kreislauf, Haut. Fühlt sich gut an.
Man weiß ja, dass Naturvölker erkranken, auch psychisch, wenn sie nach drinnen ziehen sollen. Ich denke öfter daran und spüre ein wenig, wie sich das anfühlen mag. Trotz der Gemütlichkeit norddeutscher Kaminabende fehlen mir diese zurzeit so gar nicht :-)

(von Jessica)

Freitag, 13. Oktober 2017

Moros y Cristianos - Mauren und Christen

Geschichte als Grund zum Feiern

Alteas Altstadt gruppiert sich um die mächtige Kirche herum, deren halbrundes, mit blauer Keramik gedecktes Dach weithin in der Sonne leuchtet. Sie thront ganz oben auf einem Hügel, der den Mittelpunkt 'unserer' Bucht bildet. Neben der Kirche ist die Atrappe einer Burg aufgebaut, dreigeschossig, mit Turm und Zinnen bewehrt.

Oben auf den Wehrgängen sieht man die christlichen Herrscher der Burg, die sich hinter ihren hohen Mauern in Sicherheit wiegen.



Auf dem Platz davor schreitet eine einzelne stolze Maurin umher, deren Haltung ihre fürstliche Abstammung erkennen lässt. Sie will die Christen zur Übergabe der Stadt bewegen und kündigt furchtbare Kämpfe an, als die Christen nicht auf ihre Forderungen eingehen.






Das ist der Auftakt zu den Feierlichkeiten, die jedes Jahr im Herbst die Stadt in Aufruhr versetzen. In weiten Teilen Spaniens, vor allem aber in den Provinzen Valencia und Alicante, wozu wir gehören, wird dem Aufeinandertreffen der beiden Kulturen mit großem Aufwand und Getöse gedacht. Dabei hat jede Gemeinde ihre eigenen Traditionen entwickelt, die zum Teil seit Jahrhunderten als festes Ritual zu den Feiern gehören.
Anfang des achten Jahrhunderts fielen die Mauren, zumeist Berberstämme aus Nordafrika, die von Arabern islamisiert wurden, in Spanien ein, besiegten die Westgoten und begründeten Kalifate. Kunst und Architektur erlebten in dieser Zeit eine Blüte, in der Christen, Juden und Muslime über lange Zeit friedlich zusammenlebten. Stück für Stück eroberten sich die Christen durch die so genannte Reconquista das spanische Festland zurück, doch es dauerte bis 1492, also dem genau dem Ende des Mittelalters, bis der letzte muslimische Fürst in einer Schlacht besiegt wurde.
Altea feiert zwei Wochen lang. Die Stadt ist  geschmückt und wie bei uns die Schützenvereine, so gibt es hier die Cofradias, Gruppen, die ihre eigenen Kostüme, Wimpel, ihren Versammlungsort irgendwo in der Stadt und - ganz wichtig - ihre eigene Musikkapelle aus Bläsern und Trommlern haben. Einige der Gruppen repräsentieren die Christen, andere sind Mauren, die Gewänder sind in jedem Fall fantasievoll und aufwändig.

Jeden Tag entwickelt sich die Geschichte etwas weiter, wobei es als Außenstehender nicht einfach ist, immer zu verstehen, was gerade passiert. Zu Beginn erobern die Mauren die Stadt. Die Gewehre mit den Platzpatronen, mit denen in die Luft geschossen wird, machen einen ohrenbetäubenden Lärm, der kilometerweit zu hören ist und aus der Nähe nur mit guten Ohrstöpseln zu ertragen ist.



Die Aktivitäten an den darauffolgenden Tagen ähneln sich. Es gibt Umzüge, Musikdarbietungen, gemeinsames Essen, symbolische Kämpfe und auf jeden Fall immer einen Grund zum Feiern und zum Fröhlichsein. Am Ende haben die Christen die Stadt zurück erobert, doch die Mauren bekommen im nächsten Jahr eine neue Chance, ihr Glück zu versuchen.


Beeindruckt hat uns die Intensität und Begeisterung, mit der gerade viele junge Leute
an den Feiern mitwirken. Da gelingt eine Identifikation mit dem Heimatort und der eigenen Geschichte, auf die wir als Deutsche nur staunend und verwundert blicken können.

(von Ronald)

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Ein bisschen Gruseln gehört auch zum Leben...

Nur blauer Himmel und immer Sonne wären ja (vielleicht) auch langweilig. Hier und da eine Kakerlake und letztens mal eine - zugegeben kleine - Schlange zeigen, dass sich nicht nur Menschen im warmen Klima wohlfühlen.

Vor ein paar Tagen gab es nun zwischendurch mal einen Regentag, sechs Stunden lang goss es heftig. Am Tag danach schienen nicht nur die Pflanzen tief durchzuatmen und schnell ein paar neue Blätter und Blüten zu schieben, sondern auch die Insektenwelt zu frischem Leben zu erwachen: Ins Schwimmbecken flogen Hunderte große fliegende Ameisen, die nach dem Herauskeschern nichts Besseres zu tun hatten, als schnurstracks wieder ins Wasser zu krabbeln.
Abends landeten gleich zwei Gottesanbeterinnen (eine Heuschreckenart) auf der Terrasse, wo wir gerade beim Essen saßen. Eine fiel allerdings rasch dem Gecko zum Opfer, der sie einfach angriff, anbiss und auffraß, obwohl sie so groß war wie er (unsere fünf Geckos auf der Terrasse gehören aber nicht zum Gruselkabinett, da sie viel flatterndes Ungeziefer vertilgen und eher unterhaltsam zu beobachten sind), die andere Gottesanbeterin wurde im Glas gefangen und ins Campo zurück befördert.
Und dann kamen die Würmer: Hunderte grauer Würmer in Tausendfüsslerart ringelten sich nicht nur im Gelände, sondern kamen über die Mauern zu uns gekrochen, es nahm gar kein Ende. Zurückbefördern half nichts, sie kamen unbeirrt wieder. Also mussten Quetschtaktik und der Staubsauger helfen, igitt und bäh!

Ein Regen hat scheinbar viele Konsequenzen. Auch gruselige.


(von Jessica)

Montag, 9. Oktober 2017

Guten Morgen!

Sich gegen 7.30 Uhr vom Vogelkonzert wecken lassen. Es wird erstaunlich spät Tag in Spanien, bedingt durch die westlichere und südlichere Lage, von Deutschland aus gesehen. Schon im Bett erstaunt sein vom exotisch-tropischen Klang der Vogelstimmen.
Neben unserem Haus stehen einige hohe alte Pinien, die Nachtschlafplatz für Hunderte Vögel sind, die jeden Abend in der Dämmerung truppweise einfliegen, ein unglaubliches Konzert geben, genauso in der Morgendämmerung den neuen Tag herbeisingen und wiederum in Gruppen abfliegen, um ihre tägliche Nahrungsrunde Platz für Platz aufzusuchen.

Ich fliege zwar nicht ab, aber steige in meine Laufschuhe und gehe joggen. Zwei- bis dreimal wöchentlich eine halbe Stunde, gerade so, dass es noch Spaß macht und der Tag mit einer Outdoor-Aktivität beginnt. Nur wenige Meter oberhalb des Hauses steigt die Sonne aus dem Mittelmeer auf, in dieser Jahreszeit genau im Osten. Unter mir liegt Altea. Die Stadt sieht fast maurisch aus in dieser Morgenkolorierung.
Die rosa-blau-pastelligen Farben und das Hervorbrechen des Lichtes haben immer wieder aufs Neue etwas vom Schöpfungsakt. Religiös oder nicht - die Schönheit der Welt ruft Ehrfurcht bei mir hervor. Und in dieser Morgenstunde gehört mir die Welt ein Stück allein, da noch nicht viele Menschen unterwegs sind.



Doch wie jedes Ding seine Kehrseite hat, geht es mir auch heute beim Laufen durchs Campo - das Feld- und Waldgelände - wieder so, dass mich Müll, Schutt und viel Hundedreck ernüchtern, den ignorante Menschen und ihre Hunde hier hinterlassen. Zwei Ecken weiter dann eine Grundstücksmauer voller Blumen bei inzwischen voller Tageshelligkeit vor tiefblauem Himmel.

Der Oktober in Deutschland scheint Welten weit weg und ich bin wieder einmal dankbar für das Geschenk dieses Freijahres.


(von Jessica)